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Newham

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Newham

Nach langen, mehr oder weniger fruchtlosen Versuchen gelang es dem Englischteam unserer Schule im Jahre 1989, Kontakte mit zwei Londoner Schulen aufzunehmen. Wir sind dankbar und stolz, daß seit Oktober 1989, als der erste Besuch englischer Schüler am Gymnasium am Rittersberg stattfand, die regelmäßigen Kontakte zwischen Schülern und Lehrern zur Gewohnheit geworden sind.

Ich möchte ein paar Worte zur Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen mit unseren Partnerschulen sagen. Da zwischen der Stadt Kaiserslautern und dem Ostlondoner Stadtteil Newham schon seit vielen Jahren eine offizielle Partnerschaft besteht und gepflegt wird, war es naheliegend, in diesem Teil der Metropole nach einer für unsere Belange interessanten Anlaufstelle zu suchen. Der ehemalige Bürgermeister von Newham, Stanley Hopwood, brachte uns vor fünf Jahren in Verbindung mit dem Kulturreferenten Jerry Daley, dem wir die Kontaktaufnahme mit der Comprehensive School "St. Bon Adventure's" und der Mädchenschule "St. Angelus' College" verdanken.

Wenn man sich überlegt, daß die Tradition mit unserer französischen Partnerschule in Reims nächstes Jahr bereits zwanzigsten Geburtstag feiert, erscheint es erstaunlich, daß sich erst vor so kurzer Zeit ein regelmäßiger Austausch zwischen dem U.K. und Kaiserslautern konsolidiert hat. Hört man sich jedoch an anderen deutschen Schulen um, so erfährt man allenthalben, daß es schwierig ist, für Aktivitäten, wie sie zwischen Frankreich und Deutschland schon lange zum Schulalltag gehören, eine adäquate Kontaktstelle auf den Britischen Inseln zu finden.

Obwohl England, besonders in Ballungsräumen wie "Greater London", seit Jahrzehnten ein Vielvölkerstaat ist, heißt das noch lange nicht, daß die Öffnung nach Europa, nach dem "Kontinent" (so sehen es die Briten), vergleichbar wäre mit den für uns alltäglichen intereuropäischen Beziehungen. Trotz enger wirtschaftlicher Verknüpfungen, der geplanten Öffnung des Kanaltunnels, der vielen Berührungspunkte in englischer und deutscher Geschichte (nicht zuletzt der des Königshauses) und der Verwandtheit der beiden Sprachen ist für Engländer der Sprung über den Kanal immer noch weiter als umgekehrt für uns.

Wenn wir die Struktur unserer Partnerschule näher betrachten, wird uns dieses Phänomen der für uns irrationalen Schwellenangst etwas verständlicher. Wie so oft im britischen Kulturkreis sind wir konfrontiert mit einer krassen Mischung aus Tradition und Fortschrittlichkeit. Zunächst möchte ich von der Tradition sprechen. Es handelt sich bei unseren Partnerschulen um jeweils eine Mädchen- und Jungenschule, beide unter katholischer Leitung, was im protestantischen England eher die Ausnahme ist. Daher müssen mit einer Art "Noblesse oblige"-Einstellung pädagogische Ziele verfolgt und verwirklicht werden.

Beim Kennenlernen der Schulleitung erfahren wir, daß christliche Traditionen und Rituale, etwa Gottesdienste, Assemblies und gemeinsame Gebete, ihren festen Stellenwert im Tagesablauf haben, ebenso wie die für uns ungewohnte Schuluniform, die unsere Schüler, nicht weniger als die vorher erwähnten Bräuche, immer erneut in Erstaunen versetzt.

Ich sprach vorher von Tradition und Fortschrittlichkeit, und wenn ich nun versuche, den zweiten Teil meiner Aussage zu schildern, weiß ich immer noch nicht, welches der beiden widersprüchlichen Elemente mehr ins Gewicht fällt in der Struktur unserer Partnerschule. Wahrscheinlich halten sich beide die Waage, und dadurch wird letztlich das Erziehungsergebnis erreicht, was auch bei extremstem Konformismus in England immer den ausgeprägten Individualisten als erstrebenswert in den Vordergrund stellt.

In "St. Bon's", einer "multiracial school", werden wir mit Dutzenden von Rassen und Weltreligionen konfrontiert, die alle unter einem Dach unterrichtet werden und miteinander leben lernen. Bei jedem Besuch frappiert mich von neuem, wie reibungslos die ethnologische und soziale Vermischung abläuft, und das bei einem Schulgeschehen, was sich bis in den späten Nachmittag erstreckt und sich oft noch auf abendliche Sport- und Freizeitaktivitäten ausdehnt.

Es ist nicht leicht, in Ostlondon Austauschfamilien für unsere deutschen Schüler zu finden, denn die soziale Infrastruktur und die damit verbundene Problematik der von der Immigration geprägten Stadtteile wirft die Schatten, die der englische Imperialismus und Kolonialismus hinter sich gelassen haben. Gelingt es meiner englischen Kollegin, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde, jedoch, 15 bis 20 Familien zu finden, die bereit sind, deutsche Jugendliche zu beherbergen, dann werden die Betroffenen jedes Mal mit einer Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen, die entwaffnend wirkt.
Ich hatte vor jedem Besuch meine ganz privaten Befürchtungen, daß unsere deutschen Schüler zu sehr vom Wohlstand verformt sein könnten und daß ihre materielle Erwartungshaltung ihre Freude über den herzlichen Empfang dämpfen könnte. Zu meiner Erleichterung war das Gegenteil der Fall, und jeder war dankbar für das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das ihm in der Millionenstadt vermittelt wurde.

Ich könnte noch vieles über die Schulform und pädagogischen Methoden unserer Partnerschule schreiben, fürchte jedoch, dabei zu sehr in Details abzugleiten, die nur für Insider von Interesse wären. In diesem Zusammenhang muß ich aber - das ist mir ein unumgängliches Bedürfnis - die wichtigste Kontaktperson für unseren Austausch, eine junge Deutschlehrerin namens Susan Prichard erwähnen oder sogar lobend hervorheben. Wer je Austausche initiiert und organisiert hat, weiß, daß jegliches Unternehmen steht und fällt mit dem Engagement der verantwortlichen Lehrkräfte.

Bei einer so buntgewürfelten Schülerschaft wie in "St. Bon's" kann man sich vorstellen, welche Dynamik, aber vor allem welches Fingerspitzengefühl es erfordert, eine Gruppe zusammenzutrommeln, die bereit ist, nach Deutschland zu reisen und ihrerseits deutsche Schüler aufzunehmen.

Man darf nicht vergessen, daß bei den Kindern des Commonwealth Jamaica oder Barbados in der Regel näher und vertrauter sind als Köln oder Kaiserslautern. Englisch war und ist Weltsprache, warum soll man Deutsch lernen, wenn man in den Ferien ohnehin die Großeltern in der Karibik oder in Zentralafrika besucht? Die Fremdsprachenlehrer an unserer Partnerschule müssen mit völlig anderen Maßstäben unterrichten als wir. Mein freundschaftlicher Kontakt mit Susan Prichard gibt mir ungezählte und wertvolle Einblicke in diese bunte Welt.

Wir hoffen, daß wir mit ihrer engagierten und warmherzigen Lehrerin noch viele Austausche organisieren können.

Ch. Weiand

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