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Der Rabe und der Fuchs

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Der Rabe und der Fuchs

Eine Fabel in vier Fassungen:

Äsop

Ein Rabe hatte ein Stück Fleisch gestohlen und saß damit auf einem Baume. Der Fuchs sah ihn, und weil er sich das Fleisch aneignen wollte, lief er herbei und lobte den Raben. Er sei stattlich und schön, sagte er, und müsse deshalb König der Vögel werden, und das würde durchaus auch geschehen, wenn er eine Stimme hätte. Der Rabe nun wollte beweisen, dass er eine Stimme besitze; er ließ darum das Fleisch fallen und krächzte laut. Da sprang der Fuchs herzu, packte das Fleisch und sagte: "O Rabe, wenn du auch Verstand besäßest, so hätte nichts gefehlt, und du wärest König über alle geworden."
Auf einen dummen Kerl passt die Fabel sehr gut.

La Fontaine

Auf einem Baume Meister Rabe hockt, im Schnabel hält einen Happen Käse. Vom Käseduft herbeigelockt, spricht Meiser Fuchs so fein als ob er läse: "Ei, guten Morgen, Herr von Rabe, was seid ihr hübsch, welch stattliches Gehabe! Nein, ohne Lüge, Eurer Stimme Pracht, wär sie so schön wie Dero Federpracht, Der Rabe schnappt fast über vor Begier; Gleich soll der Wohllaut seiner Stimme schnallen: er reißt den Schnabel auf und lässt den Käse fallen: den schluckt der Fuchs: es schmunzelte der Heuchler und sprach: "Mein Herr, ein jeder Schmeichler lebt gut und gern von dem, der auf ihn hört: die Lehre ist doch wohl ein Stückchen Käse wert!" Der Rabe, wütend und verdrossen, schwor ab, jedoch zu spät, für immer solchen Possen.

Lessing

Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: "Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!" - "Für wen siehst du mich an?", fragte der Rabe- "Für wen ich dich ansehe?", erwiderte der Fuchs. "Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf die Erde herab kömmt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die verfehlte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?"
Der Rabe erstaunte, und freut sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. "Ich muss" dachte er, "den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen." - Großmütig dumm ließ er ihm also sein Raub herabfallen, und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein scherzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!

Gegenwart

Des Morgens frühe Stund
nutzte ein Rabe für einen erstaunlichen Fund.
Es lag da ein köstlich Törtchen
an einem ganz verlassenen Örtchen.
Er schnappte es geschwind
und trug es fort, schnell wie der Wind.
Der Rabe flog zu seinem Lieblingsbaum,
neben einem Gebirgsbach, wie aus einem Traum.
Ein Fuchs kam des Weges entlang,
er sprach, "Einem Vogel wie ihnen ist nie bang!
Sie singen bestimmt den ganzen Tag,
so lieblich und schön, dass sie jeder mag.
Auch Feinde haben sie bestimmt nicht,
denn sie strahlen wie das hellste Licht."
Angetan von diesem Gerede sang der Rabe
und brachte sich so um seine ganze Habe.
Schnell schnappte der Fuchs das Essen
und dachte, mit ihm könne sich keiner messen.
Doch mit dem Bach hatte er nicht gerechnet,
er wollte über das Gewässer steigen und fiel ausgerechnet
mitten in das kühle Nass hinein.
Er öffnete das Maul zum schreien und dachte, "Oh nein!"
- zu spät, sein Diebesgut war schon verloren.
Was dachte der Rabe nur über den Toren?!
Die Moral aus dieser Geschicht,
wähne dich zu sicher nicht.
Die Natur ist manchmal unvorhersehbar,
oft birgt sie Tücken unerkennbar!

Simone Buser

Zu "Lessings Fabeln"

Erstellt von Webmaster. Letzte Änderung: Webmaster, 05.09.2009 16:22 (ID: 212)

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